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Eine Methode zur schnellen Aneignung der Fähigkeit, in einer fremden
Sprache zu lesen
(die Methode von Ilja Frank)
Bei dieser Methode braucht man
den Lehrer nur für Aufbereitung und Verlebendigung des Materials,
gewissermaßen als Gesprächspartner. Alles Weitere ist Sache des
Studierenden: die grammatikalischen Zusammenhänge verstehen, Texte
lesen, sich mit dem Wortschatz beschäftigen; hierzu braucht es nicht
die Anwesenheit eines Lehrers.
Ich möchte kurz erzählen von
meiner speziellen Methode der Textaufbereitung, durch welche die
passive Aufnahme der Sprache gefördert wird.
Als Grundlage dient ein Text
in der anzueignenden Sprache, der zwei Bedingungen zu erfüllen hat:
Erstens muß er für Muttersprachler im Geiste dieser Sprache
geschrieben sein; und zweitens muß er in irgendeiner Hinsicht
Interesse erwecken können. Die so häufig in Lehrbüchern anzutreffenden
künstlichen, gekünstelten Konstrukte sind für diese Methode nicht
geeignet[1].
Ein solcher Text wird nun in
kleine „Verständniseinheiten“ aufgeteilt (deren Umfang vom
Schwierigkeitsgrad abhängt); und nun wird für jedes dieser Teilstücke
die grammatikalische Struktur erklärt und die Lexik; und zwar nur in
dem Maße erklärt, wie es für das Verständnis des Textes erforderlich
ist. Und schließlich folgt nach diesem erklärenden Aufdröseln noch
einmal das gleiche Textstück mit normaler unkommentierter Übersetzung.
Wer eben erst begonnen hat,
die betreffende Fremdsprache zu lernen, kann zuerst das Textstück mit
den Erläuterungen durchnehmen, und anschließend das gleiche Textstück
unerläutert. Wenn nun ohne Schaden für das Verständnis des
Gesamtkontextes die Bedeutung irgendeines Wortes vergessen wurde, so
muß man nicht unbedingt noch einmal das betreffende Wort in dem
erläuterten Textstück nachsuchen; dieses gleiche Wort wird unbedingt
wieder auftauchen; und nicht nur einmal. Der Sinn der unkommentierten
Textstücke besteht darin, daß der Lernende, der solcherart die fremde
Sprache liest, eine gewisse Zeit – und sei es auch nur kurz – „ohne
Schwimmweste schwimmt“. Nach Lektüre des unkommentierten Textstücks
geht es dann weiter zum nachfolgenden, kommentierten; und so weiter.
Zum Anfang zurückkehren und das Durchgenommene wiederholen ist nicht
nötig; man macht einfach weiter; und fertig.
Im Nachfolgenden, als
Beispiel, eine solche „Verständniseinheit“ aus dem „Kleinen Prinzen“,
„Le petit prince“ von Sain-Exupéry:
Lorsque j'avais six ans (als ich 6 Jahre alt war – wörtl. „j’avais“,
ich hatte 6 Jahre; avoir – haben; j’avais, ich hatte) j'ai vu (habe
ich gesehen: voir), une fois (einmal), une magnifique image (ein
wundersames Bild), dans un livre (in einem Buch) sur la Forêt Vierge
(über den Urwald – „vierge“ = jungfräulich, unberührt) qui s'appelait
(welches sich nannte, welches hieß) "Histoires Vécues (Wahre
Geshichten: „erlebte Geschichten“; vivre – leben, erleben)". Ça
représentait (dies stellte dar) un serpent boa (eine Boa-Schlange) qui
avalait un fauve (welche verschlang ein wildes Tier – fauve = wildes
Tier). Voilà la copie du dessin (hier ist die Kopie der Zeichnung –
voilà = hier ist).
On
disait (man sagte: dire) dans le livre (in dem Buch): "Les serpents
boas (die Boaschlangen) avalent leur proie (verschlingen ihre Beute)
tout entière (unzerkleinert: „ganz vollständig“), sans la mâcher (ohne
sie zu kauen). Ensuite (anschließend) ils ne peuvent plus (können sie
nicht mehr) bouger (sich bewegen – im französischen nicht reflexiv,
d.h. ohne „sich“, „se“) et ils dorment (und sie schlafen: dormir)
pendant (während) les six mois (der 6 Monate) de leur digestion (ihrer
Verdauung)".
J'ai
alors (ich habe damals) beaucoup réfléchi (viel nachgedacht:
réfléchir) sur les aventures de la jungle (über die Abenteuer des
Dschungels: une aventure) et, à mon tour (und, meinerseits), j'ai
réussi (habe ich geschafft: réussir), avec un crayon de couleur (mit
einem Farbstift: une couleur – eine Farbe), à tracer mon premier
dessin (zu zeichnen meine erste Zeichnung). Mon dessin numéro 1. Il
était (sie war) comme ça (wie dies):
Lorsque j'avais six ans j'ai vu, une fois, une magnifique image, dans
un livre sur la Forêt Vierge qui s'appelait "Histoires Vécues". Ça
représentait un serpent boa qui avalait un fauve. Voilà la copie du
dessin.
On disait dans le livre: "Les serpents boas avalent leur proie tout
entière, sans la mâcher. Ensuite ils ne peuvent plus bouger et ils
dorment pendant les six mois de leur digestion".
J'ai alors beaucoup réfléchi sur les aventures de la jungle et, à mon
tour, j'ai réussi, avec un crayon de couleur, à tracer mon premier
dessin. Mon dessin numéro 1. Il était comme ça:
Ganz zu Anfang ergießt sich
natürlich ein Schwall unbekannter Wörter und Formen auf den Lernenden;
doch braucht man hiervor keine Angst zu haben: man ist niemandem
Rechenschaft schuldig, was man davon aufgenommen und verstanden hat;
man macht das ja nicht für ein Examen. Im Verlaufe des weiteren Lesens
wird sich das alles einrenken, wird seine Form finden (selbst wenn man
das erst in der Mitte oder gar am Ende des Buches merken sollte); und
vielleicht wird der Lesende gar irgendwann unwillig aufmerken: „Warum
wird denn dies schon wieder übersetzt; warum schon wieder die
Grundform dieses Wortes angeführt; das ist doch alles auch so
verständlich!“ – Und wenn dann dieser Moment eingetreten ist, da man
findet, „daß das doch auch so verständlich ist“ – dann soll man beim
Lesen umschalten: fortan zuerst den nicht erläuterten Text lesen, und
dann erst bei den Erläuterungen nachsehen. (Genau das gleiche
Verfahren kann man auch demjenigen empfehlen, der mit einer Sprache
bereits Berührung hatte).
Die Sprache ist ihrer Natur
nach Mittel, und nicht Zweck; und deshalb hat man die besten
Bedingungen zu ihrer Aneignung nicht dann, wenn man sie als Sprache
lernt, sondern wenn man sie, ganz natürlich und unmittelbar, nutzt;
sei es im lebendigen Gespräch, sei es bei aufmerksamer Lektüre. In
solchem Fall geht das Aneignen der Sprache ganz von selbst, ohne daß
man krampfhaft darauf zusteuern würde.
Unser Gedächtnis ist eng
verbunden mit dem, was wir zu irgendwelchem konkreten Moment
empfinden, hängt ab von unserem inneren Zustand, davon, wie
aufgeweckt, aufnahmefähig, interessiert wir sind (und nicht davon,
wieviel mal wir, zum Beispiel, irgendeinen Satz wiederholen oder
wieviele Übungen wir machen).
Um sich was einzuprägen
braucht es nicht das verschlafene mechanische Büffeln oder das
Erarbeiten irgendwelcher Fertigkeiten, sondern die Frische der
Eindrücke. Wenn man ein Wort in den verschiedensten Kontexten und
Sinnzusammenhängen immer wieder antrifft, so ist das wesentlich
effektiver, als wenn man es - und wenn auch noch so häufig – immer
wieder wiederholt. Bei der hier zur Rede stehenden Art zu lesen eignet
man sich den Grundwortschatz völlig natürlich an, ohne jedes Büffeln:
einfach durch das wiederholte Auftauchen der Wörter in lebendigen
Zusammenhängen. Deshalb besteht kein Grund, nach Lektüre des Textes
die Vokabeln zu lernen. Jenes Prinzip „sobald ich nicht alles
angeeignet habe, gehe ich nicht weiter“ ist in unserem Zusammenhang
nicht anwendbar. Je intensiver man liest, je schneller man voranstürmt
– desto besser ist es. Es mag merkwürdig klingen; jedoch: je
oberflächlicher und lockerer, desto effektiver. Und dann tut der
Umfang des Materials das seine; die Menge geht über in Qualität.
Alles, was vom Schüler verlangt wird: einfach bloß lesen; nicht an die
Fremdsprache denken, die man aus irgendwelchen Gründen lernen will
oder muß, sondern nur an den Inhalt des Buches.
Und wenn nun der Lernende sich
nicht darauf fixiert, daß er sich dieses oder jenes sprachliche
Material aneignen muß, sondern sich rein auf den Inhalt konzentriert,
von dem das Material nur der Träger ist, so geschieht das Aneignen
ganz von selbst.
Es geht hier um eine ganz
prinzipielle, wenn man so will: philosophische Frage: klammert ein
Mensch, der eine Sprache studiert, ein bestimmtes Zeitquantum
(Minuten, Stunden, Monate…) aus seinem Leben aus und bezahlt mit
dieser Zeit dafür, daß er sich Sprachkenntnisse aneignen darf; oder
aber: lebt er während dieser Zeit, da er sich der Sprache
widmet? – Es wäre zu wünschen, daß letzteres der Fall ist.
Manche Lernende mögen
widersprechen: „Für mich wäre sowas nicht geeignet; ich könnte mir auf
diese Weise nichts merken.“ Worauf ich antworte: „Sie können sicher
sein: wenn Sie dieses Buch intensiv lesen werden, wird die Methode
wirken. Wenn Sie allerdings mehrere Monate an dem Buch herumlesen
werden, so wird in der Tat nichts zustandekommen. In dem Fall würden
Sie eine Sache nutzen unter Verstoß gegen die Gebrauchsanleitung.“
Der größte Nachteil, dem
diejenigen ausgesetzt sind, die über Jahre hin irgendeine Sprache
studieren, besteht darin, daß man das nur in kleinen Portionen tut und
sich nicht voll hineinstürzt. Die Sprache ist keine Mathematik; nicht
studieren muß man sie, sondern muß sich an sie gewöhnen. Es geht hier
nicht um Logik oder Gedächtnis, sondern um Fertigkeit. In diesem Sinne
kann man die Sprache wohl am ehesten mit dem Sport vergleichen, dem
man ja sich auch in einer bestimmten Art und Weise, in einer
bestimmten Intensität widmen muß, da man anders keinerlei Resultate
erzielt. Wenn man sofort beginnt, viel zu lesen, so ist das fließende
passive Beherrschen einer Fremdsprache eine Frage von drei bis vier
Monaten (wenn man ganz unten anfängt). Wenn man es hingegen in kleinen
Portionen tut, so ist das einzig bloß Selbstquälerei und sinnloses
Aufderstelletreten. Es ist, wie wenn man auf einen vereisten Hügel
hoch will: man muß den in schnellem Laufe nehmen; sonst hat man keine
Chance, hochzukommen: entweder man bequemt sich zum Laufen, oder man
rutscht immer wieder ab. Und wenn dann der Punkt erreicht ist, wo man
beginnt, fließend zu lesen, so geht diese Fähigkeit schon nicht mehr
verloren; selbst dann nicht, wenn man erst nach einer Pause von
mehreren Jahren wieder zu dieser Sprache zurückkommt. Und wenn man
nicht bis zu diesem Punkt durchgehalten hat – löst sich alles wieder
auf.
Und wie ist es nun mit der
Grammatik? Für das Verständnis eines mit solchen Erläuterungen
aufbereiteten Textes ist eine Kenntnis der Grammatik nicht
erforderlich. Im Weiteren ergibt sich dann eine Gewöhnung an bestimmte
Formen, und es kommt zu einem unbewußten Aneignen der Grammatik. Das
ist ähnlich dem, wie man ganz ohne Grammatik eine Sprache lernt
dadurch, daß man einfach in eine Umgebung gerät, wo diese Sprache
gesprochen wird. Ich sag das nicht aus dem Grunde, weil ich möchte,
daß die Lernenden sich von der Grammatik fernhalten (die Grammatik ist
eine sehr interessante und nützliche Angelegenheit), sondern um
festzuhalten, daß man sich an die Lektüre eines solcherart
aufbereiteten Buches machen kann ohne ausgefeilte Grammatikkenntnisse;
es reicht da das allerelementarste. Und diese Lernmethode durch Lesen
kann man bereits für das unterste Anfängerstadium empfehlen.
Ein Buch mit solcherart
aufbereitetem Text hilft dem Lernenden, eine wichtige Hürde zu
überwinden: man eignet sich einen Wortschatz an und gewöhnt sich an
die logische Struktur der Sprache bei größtmöglicher Zeit-und
Kräfteersparnis.
Bei der Arbeit mit solchen
Büchern ist es nicht unbedingt erforderlich, daß man sich an den Tisch
setzt und sich gewissenhaftem Studium hingibt; man kann das getrost in
der U-Bahn lesen oder auf dem Sofa liegend. Und dies ist für unsere
schwierige und hektische Zeit nicht unwichtig. Wer nach der Arbeit
nach Hause kommt wird mitunter Probleme haben, sich an den
Schreibtisch zu setzen. Muß er auch nicht: er kann sich einfach in den
Sessel setzen oder aufs Sofa legen und in solchem Buch lesen. Und das
ist keineswegs ein bloßes Sichhängenlassen, da faktisch wesentlich
mehr neues Material verarbeitet wird als bei angespanntem Studium mit
einem gewöhnlichen Lehrbuch. Im Grund läuft in dieser lockeren Haltung
sehr vieles an Arbeit; nur halt: ohne Stress und Anödung, da man
keinerlei Müdigkeit spürt. Angemerkt sei, daß Müdigkeit und
Kopfschmerzen im Allgemeinen nicht durch ein Zuviel an Arbeit bedingt
sind (unser Kopf kann wesentlich mehr Information aufnehmen, als wir
ihm normalerweise anbieten), sondern durch Streßsituationen, durch
sinnlose und langweilige Aufgaben.
Wörter und Ausdrücke werden,
nebenbei bemerkt, in den herkömmlichen Lehrbüchern recht selten
wiederholt, da der Verfasser in der Regel bemüht ist, in jeder Lektion
den Wortschatz um möglichst viele neue Wörter zu vergrößern. In den
Lehrbüchern werden die Wörter wesentlich seltener wiederholt als im
realen Leben oder in der Literatur; eigentlich kommt es nur dann zu
Wiederholungen, wenn es sich nicht vermeiden läßt. So gibt es zum
Beispiel ein altes Lehrbuch für chinesische Schrift, wo auf tausend
Zeichen keine einzige Widerholung kommt; wodurch sich natürlich eine
gewisse Kompaktheit ergibt. Dies ist natürlich ein extremes Beispiel;
doch das Grundprinzip der meisten Lehrbücher ist genau das gleiche. –
Das von mir empfohlene Prinzip des Lesens ist dem genau
entgegengesetzt: Je häufiger ein Wort wiederholt wird, umso besser.
Angemerkt sei, daß von dem
Moment an, wo ich bei meinen Sprachkursen diese Methode einführte, es
keine ins Abseits gedrängten schwachen Schüler mehr gab. Denn um einen
solchen Text zu lesen, muß man nicht nachdenken, muß man nicht auf
vorher angeeignete Kenntnisse zurückgreifen: Man muß sich einfach
hinsetzen und lesen, muß einfach Zeit aufbringen für diese Tätigkeit.
Wenn der Schüler natürlich auch dies nicht tut – ja nun, dann ist er
selber Schuld. Man muß sich Zeit nehmen, muß sich vertiefen. Muß mit
der Seele dabei sein…
Nachteile der vorgestellten
Methode:
Diese Methode ist natürlich
nicht universell anwendbar und taugt nicht für alle
So ist sie zum Beispiel nicht
für Kinder geeignet, die wohl kaum fähig sein dürften, selbständig und
über längere Zeit sich mit einem fremdsprachigen Text zu beschäftigen.
Sinnvoll ist sie für Halbwüchsige (etwa ab 14 Jahren) und für
Erwachsene.
Geeignet ist das nur für
Leute, die gewohnt sind zu lesen.
Ein nach dieser Methode
aufbereitetes Buch ist nicht unbedingt für jeden interessant. Kann der
Lernende einem Buch kein Interesse abgewinnen, geht der eigentliche
Sinn verloren: Das Buch zieht den Leser nicht in seinen Bann, und es
kommt zu keiner unbewussten Aneignung der Sprache.
Und natürlich haben wir hier
nur das passive Aneignen der Sprache; das heißt, diese Methode ist
lediglich eine Unterstützung für den die Sprache aktivierenden
kommunikationsbezogenen Unterricht.
Ilja Frank
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