
(Streit zwischen einem König, der einem Helden seine Tochter zur Frau geben will,
und dem betreffenden Helden, der die Tochter nicht haben will)
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Für Leser, die sich noch nicht in die russische Sprache eingearbeitet haben, seien zur Verständniserleichterung ein paar Punkte hervorgehoben, in denen das Deutsche sich vom Russischen unterscheidet. (natürlich gibt es noch viel mehr, als hier aufgelistet ist; die russische Akademiegrammatik zum Beispiel umfaßt zwei dicke großformatige Bände; doch soll uns das zunächst mal weiter nicht beunruhigen)
§ Das Russische kennt keinen Artikel, weder bestimmten noch unbestimmten. Das Krokodil: Крокодил. – Ein Stuhl: Стул
§ Die Vergangenheitsform der Verben endet in den meisten Fällen auf л mit, je nachdem, einem nachfolgenden Vokal. Die Endung ist nicht, wie im Deutschen, durch die Person bestimmt (ich erzählte, du erzähltest, sie erzählten), sondern durch Geschlecht und Zahl. In der Mehrzahl endet die Endung immer auf –ли: рассказывали – wir, ihr, sie erzählten; in der Einzahl bei männlichem Subjekt einfach –л, bei weiblichem Subjekt –ла, bei sächlichem Subjekt –ло.
§ Das Russische kennt keine zusammengesetzten Vergangenheitsformen in der Art des deutschen Perfekt oder Plusquamperfekt.
§ Die russische Entsprechung für das deutsche Verb sein ist das Verb быть. Dieses Verb wird allerdings nur für die Vergangenheit (я был – ich war) und für die Zukunft (я буду – ich werde sein) gebraucht; die Gegenwartsform ist im heutigen Russischen nicht gebräuchlich. In Aussagen der Art wie „Das Leben ist schön“ oder „Mein Onkel ist ein Räuber“ folgt das Subjekt einfach auf das Prädikat, oder, unter Umständen, setzt man einen Gedankenstrich dazwischen: «Жизнь хороша»; «Мой дядя – бандит».
§ Im russischen gibt es ein aktives Partizip der Vergangenheit, zu erkennen an der «-в»- Endung (pur oder mit anhängender Adjektivendung, und, je nachdem, auch noch mit Reflexivendung «-ся»). – Съевшие Кука аборигены – Die Cook aufgegessen habenden Eingeborenen. – Съев Кука, аборигены легли спать. – Cook aufgegessen habend, legten die Eingeborenen sich schlafen. – Бывший стрелок – Der gewesen seiende Soldat (also: der einstige Soldat) – Появившийся вепрь – Der aufgetaucht seiende Eber
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Про дикого вепря |
Das Untier («дикий вепрь» bedeutet eigentlich „wilder Eber“; «вепрь» - der Eber; doch nimmt ein wilder Eber sich gegenüber dem hier gemeinten Untier viel zu harmlos aus) |
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В королевстве, где всё тихо и складно, |
In einem Königreich, wo alles still und wohlgeordnet war Складный – wohl gefügt, harmonisch; siehe «складывать» - „zusammenfügen“; ja nu: halt so zusammengefügt, daß alles stimmt |
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Где ни войн, ни катаклизмов, ни бурь, |
Wo es weder Kriege noch Katastrophen noch Stürme gab (die russische Entsprechung des deutschen „sein“, „vorhanden sein“, „existieren“ wird – noch einmal sei es erwähnt – in Gegenwartssätzen oder – wie hier – in zeitübergreifenden allgemeinen Aussagen in der Regel nicht durch ein Verb, sondern durch Form und Satzordnung ausgedrückt. – Das nicht vorhandene wird im Russischen häufig durch einen Genitiv ausgedrückt.) |
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Появился дикий вепрь огромадный — |
Erschien ein gewaltiger wilder Eber Громадный – massig; durch das Präfix «о» verstärkt bis hin zu „gewaltig“. |
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То ли буйвол, то ли бык, то ли тур. |
Ein Mittelding zwischen Büffel und Ochse und Auerochse «То ли…» - „ist das denn nu ein…“; „hat was von einem…“. Und da es von allen dreien was hat, sagen wir der Einfachheit halber im Deutschen: ein Mittelding zwischen den dreien. |
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Сам король страдал желудком и астмой, |
Der König selbst litt am Magen und unter Asthma Страдать – leiden; желудок – der Magen |
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Только кашлем сильный страх наводил, |
allein durch Husten jagte er starke Angst ein oder, etwas weniger wortwörtlich: allein durch sein Husten konnte er starke Angst einjagen (das imperfektive Verb «наводить» hat diese Nuance des „könnens“) наводить – hier: einflössen, verursachen |
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А тем временем зверюга ужасный |
Und unterdessen das entsetzliche Untier Зверь – das wilde Tier; das Suffix «-юга» macht es zum Untier oder sowat in der Richtung Das Verb, also die Beschäftigung jenes Untiers finden wir in der nächsten Zeile |
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Коих ел, а коих в лес волочил. |
Aß die einen, und andere schleppte es in den Wald Коих … коих… - die einen, … die andern Волочить – schleppen. Darauf hingewiesen sei, daß «есть» und «волочить» imperfektive Verben sind; das heißt: das Untier war voll am Wüten. |
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И король тотчас издал три декрета: |
Und der König gab sofort 3 Dekrete heraus: (weil es sich für Märchen gehört, daß irgendwas in dreifacher Ausführung vorhanden ist. Immerhin: es wird 3 Zeilen lang davon gesprochen) |
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«Зверя надо одолеть, наконец! |
„Das Untier muß man endlich überwinden! |
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Кто отважится на дело на это — |
Wer sich zu dieser Sache erkühnt Отважиться – sich erkühnen |
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Тот принцессу поведёт под венец!» |
Der wird die Prinzessin heiraten!“ Повести под венец – unter den Kranz führen; d.h. heiraten |
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А в отчаявшемся том государстве — |
Und in jenem verzweifelten Lande – Отчаять кого – jemanden zur Verzweiflung treiben. Отчаяться – verzweifeln. Отчаявшийся – der verzweifelt seiende |
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Как войдёшь, так сразу наискосок,— |
- wenn du reinkommst gleich schräg rüber – (gibt an, wie man den weiter unten erwähnten Soldaten finden kann; ja nu: wenn du in das Land reinkommst, gleich nach dem Eingang schräg rüber) |
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В бесшабашной жил тоске и гусарстве |
Lebte in ungestümer Trübsal und Haudegentum Бесшабашный – ungestüm (unter Umständen – wie auch hier – aufgrund auswegsloser Verzweiflung, die sich in wilder Ausgelassenheit ihren Ausweg sucht; von hier aus dürfte auch die Kombination mit тоска, Trübsal verständlich sein) Гусар – Husar. Die im Russischen davon abgeleitete Eigenschaft sei im Deutschen „Haudegentum“ genannt. |
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Бывший лучший королевский стрелок. |
Der einstmals beste königliche Soldat. Стрелок – Schütze, Soldat |
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На полу лежали люди и шкуры, |
Auf dem Fußboden lagen Leute und Felle |
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Пели песни, пили мёды — и тут |
Sangen Lieder, tranken Honigwein – und da Мёд – der Honig, der Honigwein (oder Met, wie die alten Germanen sagen würden) |
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Протрубили на дворе трубадуры, |
bliesen auf dem Hof Troubadoure трубить – trompeten, posaunen (ja nu: einem Blasinstrument Töne entlocken) Troubadoure pflegten zwar eher zu singen und nicht zu trompeten oder zu posaunen; bloß passen die Troubadoure wegen der Wurzel «труб» hier so gut rein, daß der Dichter sich nicht verkneifen konnte, sie blasen zu lassen |
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Хвать стрелка! — и во дворец волокут. |
Packen den Schützen! – und schleppen ihn in den Palast. «Хвать» ist kein Verb, sondern eine von einem Verb (хватить – ergreifen) abgeleitete Interjektion, die man, so man will, im Deutschen etwa mit „grabsch“ wiedergeben kann. Bloß daß der Geist der deutschen Sprache solchem „grabsch“ nicht gestatten würde, ganz normal den Akkusativ zu regieren und eine solch selbständige Stellung im Satzgefüge einzunehmen. |
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И король ему прокашлял: — |
Und der König erklärte ihm hustend: - Oder, sagen wir: der König hustete ihm vor – кашлять - husten |
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Не буду Я читать тебе моралей, юнец! |
Ich werde dir nicht die Moral lesen, junger Mann |
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Если завтра победишь Чуду-юду, |
Wenn du morgen Tchudo-Judo besiegst Победить - besiegen |
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То принцессу поведёшь под венец. |
Wirst du die Prinzessin heiraten |
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А стрелок: — Да это что за награда? |
Und der Schütze: - Was ist denn das für eine Belohnung? |
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Мне бы выкатить портвейна бадью! |
Laß besser einen Eimer Portwein springen! Wortwörtliche Übersetzung nicht möglich; Erklärung der Konstruktion würde zu weit führen; drum lassen wir es besser auf sich beruhen. Катить – (etwas) rollen бадья – Eimer Выкатить – eigentlich hervorrollen; auch wenn man einen gefüllten Eimer nicht rollen kann oder soll. Doch auch wenn man im Deutschen etwas „springen“ läßt, läßt man das Betreffende ja nicht unbedingt tatsächlich springen. |
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Мол, принцессу мне и даром не надо — |
Die Prinzessin will ich nicht einmal geschenkt Мол: Einschub mit der Bedeutung „sagte er“ Даром - kostenlos |
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Чуду-юду я и так победю. |
Tschudo-Judo besieg ich auch so. |
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А король: — Возьмёшь принцессу — и точка! |
Und der König: - Du nimmst die Prinzessin, und Punkt! |
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А не то тебя — раз-два! — и в тюрьму! |
Und sonst dich – eins-zwei – ins Gefängnis! Ein Verb fehlt; aber das gibt’s und ist weiter nicht schlimm. |
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Это всё же королевская дочка! — |
Das ist immerhin eine Königstochter! |
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А стрелок: — Ну хоть убей — не возьму! |
Und der Schütze: - Und ums Verrecken – ich nehm sie nicht! Убить – totschlagen. Хоть убей – schlag mich von mir aus tot; und wenn du mich totschlägst |
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И пока король с ним так препирался, |
Und während der König so mit ihm herumstritt Препираться - zanken |
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Съев уже почти всех женщин и кур, |
aufgegessen habend schon fast alle Frauen und Hühner съев – aufgegessen habend; siehe letzte grammatikalische Anmerkung im Vorspann |
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Возле самого дворца ошивался |
Trieb sich direkt neben dem Palast herum |
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Этот самый то ли бык, то ли тур. |
Ebenselbiges Mittelding zwischen Ochs und Auerochs (siehe Anmerkung Ende erste Strophe) |
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Делать нечего — портвейн он отспорил, |
Da war nix zu machen – den Portwein bekam er Делать нечего – da kann man nix mehr machen Отспорить – im Streit erringen |
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Чуду-юду победил и убёг. |
Tschudo-Judo besiegte er und machte sich aus dem Staube Убёг – Vergangenheitsform von убечь – davonlaufen, flüchten. |
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Так принцессу с королём опозорил |
So hat die Prinzessin und den König blamiert |
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Бывший лучший, но опальный стрелок. |
Der einstmals beste, doch in Ungnade gefallene Schütze Бывший – siehe letzte grammatikalische Anmerkung im Vorspann Опальный – in Ungnade gefallener |
Erläuterungen: R. Zoller vondorten@gmx.net
Про дикого вепря
В королевстве, где всё тихо и складно,
Где ни войн, ни катаклизмов, ни бурь,
Появился дикий вепрь огромадный —
То ли буйвол, то ли бык, то ли тур.
Сам король страдал желудком и астмой,
Только кашлем сильный страх наводил,
А тем временем зверюга ужасный
Коих ел, а коих в лес волочил.
И король тотчас издал три декрета:
«Зверя надо одолеть, наконец!
Кто отважится на дело на это —
Тот принцессу поведёт под венец!»
А в отчаявшемся том государстве —
Как войдёшь, так сразу наискосок,—
В бесшабашной жил тоске и гусарстве
Бывший лучший королевский стрелок.
На полу лежали люди и шкуры,
Пели песни, пили мёды — и тут
Протрубили на дворе трубадуры,
Хвать стрелка! — и во дворец волокут.
И король ему прокашлял: —
Не буду Я читать тебе моралей, юнец!
Если завтра победишь Чуду-юду,
То принцессу поведёшь под венец.
А стрелок: — Да это что за награда?
Мне бы выкатить портвейна бадью!
Мол, принцессу мне и даром не надо —
Чуду-юду я и так победю.
А король: — Возьмёшь принцессу — и точка!
А не то тебя — раз-два! — и в тюрьму!
Это всё же королевская дочка! —
А стрелок: — Ну хоть убей — не возьму!
И пока король с ним так препирался,
Съев уже почти всех женщин и кур,
Возле самого дворца ошивался
Этот самый то ли бык, то ли тур.
Делать нечего — портвейн он отспорил,
Чуду-юду победил и убёг.
Так принцессу с королём опозорил
Бывший лучший, но опальный стрелок.
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